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Der Kaiser vom Bodensee Napoleon III. - der Flüchtling, der zum französischen Kaiser wurde
Wer im Jahre 2008 an den Bodensee reiste und sich dort historisch interessiert zeigte, wurde auf zwei große Ausstellungen zu Napoleon III. aufmerksam. In Frankreich hat die Geschichtsschreibung den letzten Kaiser des Landes kaum beachtet. Wie erklärt sich das? Er hatte sein Land länger als jeder andere französische Staatspräsident regiert. Frankreich erlebte in dieser Zeit einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung. Voller Tragik, dass er schließlich Ansehen und Thron verlor. Warum? Der Krieg 1870/71 gegen die deutschen Staaten unter Führung Preußens hatte tiefe Spuren hinterlassen. Man gab Napoleon III. die Schuld an der Niederlage, obwohl nicht er, sondern die Dritte Republik den aussichtslosen Krieg bis 1871 weitergeführt hatte. Nur am Bodensee, in Konstanz und im nahegelegenen Schloss Arenenberg, am Schweizer Ufer des Sees, wird aus Anlass seines 200. Geburtstages (20. April 1808) in eindrucksvollen Ausstellungen über sein Leben, seine Leistung und seine Familie berichtet. Man erinnert sich hier gerne an den kleinen, eleganten französischen Exilhof. Im Jahre 1815, nach dem Sturz Napoleons I., kam die Ex-Königin von Holland, Hortense de Beauharnais, Adoptiv- und zugleich Schwiegertochter Napoleon I., mit ihren beiden Söhnen, den Prinzen Napoleon- Louis und Louis- Napoleon Bonaparte, aus Frankreich über die Schweiz ins Exil an den Bodensee. Großherzog Carl von Baden, besonders seine französische Frau Stephanie, unterstützten sie dabei. Der junge Prinz Louis-Napoleon verbrachte im Grenzland am Bodensee seine prägenden Jugendjahre, angeleitet und begleitet von seinen beiden Lehrern: dem bedeutenden Reformer und Bistumsverweser von Wessenberg, der ihn mit dem Gedankengut der Aufklärung bekannt machte, und seinem Hauslehrer Le Bas, der ihn im republikanischen Sinne zu prägen versuchte. Louis Napoleon war beliebt, sportlich versiert und hatte viele Freunde in allen Bevölkerungsschichten.

Im Jahre 1831 starb sein Bruder, ein Jahr später folgte ihm mit 21 Jahren sein Vetter, König von Rom, Herzog von Reichsstatt, genannt Napoleon II. Louis-Napoleon rückte damit an die erste Stelle in der Thronfolge. Seine Mutter Hortense hatte immer davon geträumt, dabei aber den sensiblen Jungen zuweilen mit dem übermächtigen Vorbild des großen Onkels überfordert. Doch nach ihrem Tode 1837 und verschiedenen abenteuerlichen Putschversuchen in Frankreich entwickelte sich der Prinz im Exil, auch durch mehrjährige Festungshaft, zum gewieften Politiker. Zuerst als Abgeordneter der Zweiten französischen Republik (1848), dann als deren gewählter Präsident. Weil seine Amtszeit begrenzt war und das Parlament die Verfassung nicht ändern wollte, putschte Louis-Napoleon 1851 gegen die Verfassung und blieb im Amt. Rund 30.000 Gegner wurden verhaftet, hunderte in Strafkolonien deportiert oder flohen außer Landes wie der Dichter Victor Hugo, der ihn dann in einer Schmähschrift als „Napoleon le Petit“ verspottete. Ein Jahr später jedoch stimmten 7,8 Millionen Franzosen für und nur 253.000 gegen die Wiederherstellung des Kaiserreiches. Der bisherige Präsident nannte sich nun Napoleon III., Kaiser der Franzosen. Er versuchte sich auf vielen außenpolitischen Kampfplätzen (Krimkrieg, Einigung Italiens, der Bau des Suezkanals, auch das mexikanische Abenteuer zählte dazu) und führte Frankreich aus der seit dem Wiener Kongress bestehenden Isolation heraus.

Innenpolitische Akzente setzte er in seiner 21-jährigen Regierungszeit mit der Förderung der Textil- und Eisenindustrie und des Eisenbahnbaus, mit der Gründung großer Kreditinstitute, mit den beiden Weltausstellungen in Paris von 1855 und 1867 und mit der Modernisierung von Paris zu einer der glänzendsten Metropolen der Welt. Nach 1860 führte er ein allgemeines, besitzunabhängiges Wahlrecht ein. Auch die Gewerkschaften wurden legalisiert. Sein letzter Besuch am Bodensee im Jahre 1865 war ein Triumphzug und ein rührendes Wiedersehen mit vielen Jugendfreunden, denen der Monarch ohne jede Etikette begegnete. Er verteilte Freundschaftsgaben und genoss die altvertraute Sympathie der Jugend, nannte Frankreich sein Vaterland, diese Gegend am Bodensee aber seine Heimat. Ironie des Schicksals: Als Otto von Bismarck, Gesandter in Frankreich war, traf er sich mit Napoleon III. in Biarritz an der Atlantikküste. Der Kaiser, der ein guter Schwimmer war, rettete Bismarck dort vor dem Tode des Ertrinkens. Später wurde Bismarck zum überragenden Gegner des französischen Kaisers im Krieg 1870/71. Durch den Streit um die spanische Thronkandidatur 1870 ließ sich Napoleon III., angereizt durch die redaktionelle Bearbeitung der „Emser Depesche“, in den Krieg treiben. Er übernahm persönlich den Oberbefehl, doch er war kaum in der Lage, die Truppen zu führen. Sein Blasenleiden quälte ihn entsetzlich, er litt an höllischen Krämpfen. Niederlage folgte auf Niederlage. Am 4. September 1870, drei Tage nach der vernichtenden Schlacht von Sedan, sagten sich die Franzosen von ihrem in Kriegsgefangenschaft geratenen Kaiser los und riefen die Dritte Republik aus. Die Herrschaft von Louis-Napoleon III. war zu Ende. Er suchte nach einem Exil und wäre gerne an den Ort seiner Jugend, an den Bodensee, zurückgekehrt, doch seine Frau, Ex-Kaiserin Eugenie, hatte bereits anders entschieden. Sie hatte einen Landsitz in England, Chrislehurst, als neuen Familiensitz gefunden. Dort starb der schwerkranke Ex-Kaiser 1873 mit knapp 65 Jahren nach einer missglückten Blasenoperation. In der nahegelegenen St. Michaels-Abtei von Farnborough ist er beigesetzt und ruht noch heute in der Fremde. Eugenie überlebte ihren Mann um 47 Jahre. Sie kam nur noch wenige Male an den Bodensee. Nach dem Tod ihres Sohnes Eugene- Louis 1879 in Afrika schenkte Eugenie das Schloss Arenenberg 1906 dem Kanton Thurgau mit der Auflage, dort eine Gedenkstätte zu unterhalten. Die Napoleon- Erinnerung nahm am Schweizer Ufer des Bodensees ihren Anfang. Im Schloss, hinter mächtigen Bäumen versteckt, gegenüber der Insel Reichenau, sind heute viele Exponate, Bilder und Erinnerungsstücke in einer Dauerausstellung zu sehen. Sie laden ein, Napoleon III. und seiner Familie zu begegnen, und vermitteln zugleich einen Eindruck von der „kleinen französischen Residenz“ am Bodensee, die ein Hauch der Weltgeschichte streifte.
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