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Die Mainzer Domengel am Weihnachtsmarkt
Ein Weihnachtsmärchen von Marlene Hübel
Wieder einmal waren auf den Plätzen im Schatten des Domes die Vorbereitungen für den Weihnachtsmarkt in vollem Gange. Rund um die Heunensäule bildeten engelsgleiche Flügelwesen einen bunten Reigen um scheinbar leichthin die schweren Lichterketten zu tragen.

Überall besetzten Myriaden von großen und kleinen Engeln, mit oder ohne Glitzer, ihre weihnachtlichen Quartiere in den dicht stehenden Verkaufsbuden. Anderntags strömten die Menschen herbei, und der Duft von heißem Glühwein und allerlei Gebrutzeltem, gebrannten Mandeln und Nüssen breitete sich aus bis hinauf zu den Domtürmen.
„Ach“, seufzte der Erzengel Michael, der oben auf dem nördlichen Querhausgiebel des Domes Wache hält, um die Mächte der Finsternis fernzuhalten, „einmal dort hinunterfliegen, um mitten in diese irdische Engelswelt einzutauchen“. Bei dem Gedanken allein durchzitterte ein sanfter Schwung seine wachsam aufgerichteten Flügel. Einsam, in stoischer Ruhe und ohne Flammenschwert stand er schon sehr betagt und verwittert auf seiner Kreuzblume. Die Nacht war angebrochen und umgab ihn mit der großen Stille, in die er wachsam hineinhorchte. Da plötzlich flackerte ein Lichtstrahl aus der Finsternis nach oben. Er kam aus der Weihnachtskrippe, die wie alljährlich lange vor der Christgeburt, nur hier am Weihnachtsmarkt, von der Heiligen Familie bewohnt wird. Der Schutzengel, der sich dort unten gerade liebevoll dem Kind in der Krippe zuwandte, hörte plötzlich ein Rauschen in der Luft, wie es nur vom Flügelschlag der Engel verbreitet werden kann. Da standen sie sich gegenüber, Michael, der Himmelstitan, der aus dem schweren Sandsteinrot herausgetreten war, um in seinen Ätherleib zu schlüpfen, und jener Engel, der in seinem blassblauem Mantel und seiner Menschengestalt dem kindlichen Bild des Schutzengels am meisten entspricht.
Nach anfänglichem Zögern ließen sich die geflügelten Grazien der Heunensäule von den beiden Erzengeln überreden, noch einmal ihre Lichter zum Leuchten zu bringen. Alles blieb still, und selbst die Wächter des Weihnachtsmarktes achteten nicht auf die nächtliche Helligkeit. Nur die beiden Engel im Tympanon über dem Marktportal, die seit jeher unnahbar und unansprechbar keine irdischen Lichterketten tragen müssen, weil ihnen das göttliche Licht, das Christus umgibt, anvertraut ist, blickten mit ihren großen romanischen Augen hinüber zum plötzlich hell erleuchteten Weihnachtsmarkt (35).

Neugierig geworden baten sie die beiden Löwen, die das Portal bewachen, für ein Weilchen auch ihre Aufgabe zu übernehmen und gut auf die Mandorla zu achten. Schon waren sie hinausgeflogen. Das kurze Brüllen der verschlafenen Wächter drang hinter die dicken Mauern und schreckte selbst die Engel im Innern des Domes auf, die in den steinernen Denkmälern und Grabplatten erstarrt sind. Allenfalls wenn der volle Klang der Domorgel oder die Stimmen des Domchors erschallen, können selbst steinerne Engelsflügel ins Flattern geraten. Oder in jenen Nächten, wenn himmlische Lichtwesen aus den hoch gelegenen Engelschören im Ostchor in Ordnung und Weite des Raumes mit einer Stimme Gottes Lob singen. Die Harmonie der für Menschen nicht hörbaren Sphärenklänge hätte auch in dieser Nacht vollkommener nicht sein können, wäre da nicht durch einen offenen Spalt am Marktportal ein „leicht verworrener Windgesang“ ins Innere des Domes gedrungen, der die himmlischen Stimmen verstummen ließ.
Da berichteten auch schon aufgeregt die beiden Putti, die über dem Grabmal des Albrecht von Brandenburg jubilieren (21) von der Helle, die durch die neuen Fenster der Sakramentskapelle hindurchleuchtet. Und schon wollten sie auf einem Lichtstrahl schaukelnd nach draußen gelangen. Der Erzengel Gabriel, der Maria die Botschaft bringt, konnte dies beobachten und eilte schnell aus dem feierlich nazarenischen Bildgeschehen des Obergadens hinaus und hinunter. Gebieterisch rief er die neugierigen Kleinen zurück, und die beiden mussten erst einmal auf ihren Plätzen bleiben. Gabriel aber, der ja seine Erscheinung lieber mit dem reinen Licht des Morgenrots verbindet, flog hinaus in die künstliche Helle und nahm nach nur wenigen Flügelschlägen am Dachrand des Domcafes die ihm gemäße Höhe ein. Ein unbequemer Platz für Menschen, nicht für Engel, die sich mit ihrem Ätherleib an jedem Ort wohlfühlen, an dem sie ihre Aufgaben erfüllen können. Aber, was war nun geschehen? Ob Erzengel, Engel oder Putti - jegliche gültige Ordnung unter den himmlischen Heerscharen schien plötzlich aufgehoben. Im Dom ging es drunter und drüber und alle strebten nach draußen.

Während die göttlichen Thronwächter, die beiden Erzengel Michael und Gabriel, ihre Plätze verließen, um überall nach dem Rechten zu sehen, erfüllte Raffael, der Schutzengel, individuelle Aufgaben.
Sein Schützling, Ritter Adolph Hundt von Saulheim, der den Petrusaltar für sein Seelenheil gestiftet hatte, blieb während der Abwesenheit Raffaels in der Obhut eines über ihm stehenden Himmelsboten. Außerdem stand auch St. Michael, der sich so gern in vielerlei Gestalten offenbart, ihm gegenüber, hier nun in androgyner Anmut den Speer gegen den Satan führend.
Jetzt kam auch eine gewisse Unruhe in die steinernen Denkmäler des Mittelschiffs. Die beiden Engel, die seit fast 700 Jahren das Haupt des Erzbischofs Mathias von Bucheck mit Weihrauch umräuchern, damit er auf dem Weg aus dem Diesseits nicht in die Fänge des abtrünnigen Luzifers gerate, traten aus der Enge zwischen Rahmen und krabbenbesetztem Kielbogen heraus (3). Die Spur dieses himmlischen Wohlgeruchs ließ auch in Adolph von Nassaus Grabplatte einiges in Bewegung geraten, wo die beiden knienden Flügelwesen mit ihren schwingenden Weihrauchfässern nahe am Ohr auf die Seele des Verstorbenen warten, um sie zum Himmel zu geleiten (6).
Und auch die beiden Engel, die den von Krankheit gezeichneten Konrad von Dhaun aus der Region seiner irdischen Macht erlösen wollen, um seine Seele im Jenseits zu empfangen, bewegten sich aus ihrer mystischen Versunkenheit heraus, um auch in ihren Gefäßen den feierlichen Weihrauchduft in die Kälte der Nacht hinauszutragen (7).

Die wie immer ernst blickenden, flügellosen Engeldiakone, die dem Administrator Adalbert von Sachsen als Wappenträger dienen, verzichteten auf den flüchtigen Blick in die Weihnachtswelt da draußen und blieben lieber unter ihrem fürstlichen Herrn. Er darf sich noch nicht im Ornat des Erzbischofs zeigen, weil er zu jung verstarb (14). Noch immer hatten sie sich nicht an den Anblick der geflügelten Engelsknaben gegenüber gewöhnt, die - erstmals in kindlicher Nacktheit - eine Inschrifttafel präsentieren, auf der die Verdienste des Berthold von Henneberg verzeichnet sind (16). Ihrem Beispiel ließ Meister Backoffen auch noch die kleinen Architekturgehilfen von nebenan folgen, und selbst die zierlichen Putti im Denkmal gegenüber, die die Blutstropfen des Gekreuzigten in kleinen Kelchen aufnehmen, stellte er unverhüllt und nackt dar (18). Immer mehr Domengel schritten draußen unter den Lichterketten einher oder schwebten darüber hinweg. Sogar die vielen kleinen Gold- und Silberengelchen oder die aus schlichtem Stroh oder die kunstvoll aus Holz geschnitzten, die vor allem hier am Weihnachtsmarkt viele Käufer finden, vernahmen hinter den verschlossenen Rollläden das geheimnisvolle Wispern ihrer hohen Verwandtschaft, die gar nicht so unnahbar zu sein schien.
Endlich sollten gemäß der himmlischen Rangordnung auch die verspielten Putten aus dem Dom hinausfliegen dürfen. Zunächst hatte der Erzengel Michael Bedenken. Der Himmelsherold hat an allen Orten seinen Kampf zu führen, auch hoch oben. Über dem Altar seiner gleichnamigen Kapelle steht er in allegorischer Jünglingsgestalt, flügellos in den engen Brustpanzer gezwängt (85).

Es gelingt ihm zwar, mit seinem langen Speer den Drachen Luzifer in Schach zu halten, doch um die munteren Himmelskinder zu bändigen, benötigt er Gabriels Hilfe. Die bewegungshungrigen Flügelwesen, die in Altären und Denkmälern herumschwirren, sind ganz schön beschäftigt und haben sich den nächtlichen Ausflug letztlich verdient. In all ihren munter und spielerisch scheinenden Posen erfüllen sie ihre Aufgaben, handeln konsequent und triumphierend, wenn sie im südlichen Querhaus am großen Marmordenkmal des Dompropstes von der Leyen vor dessen hoheitsvoller Gestalt das Lebensbuch einfach zuklappen. Allzu sehr ist der Dompropst unter seiner Allongeperücke im barocken Pathos erstarrt, und so scheinen sie auch vergeblich gestenreich den Blick auf den Gekreuzigten lenken zu wollen. Umso lebhafter agieren die beiden Putti, die von oben herabstürzend den Vorhang des Lebens schließen oder ein anderes Bühnenbild öffnen (54). Auch an den benachbarten Denkmälern der Kurfürsten zu Eltz und von Ostein müssen sie, wenn auch meist recht wohlgenährt, schwere Vorhangdraperien halten, um die Abbilder der Verstorbenen für die Nachwelt freizugeben (55, 56).

Der bärtige alte Chronos hat Zugang in das barocke Engelsparadies gefunden und darf als geflügelter Zeitgeist erzbischöfliche Insignien hinwegtragen (57). Aber selbst in dem von Tugenden bekrönten Epitaph des Propstes von Schöneburg tummeln sich nicht nur Engel, sondern lauern auch sonderbare, geflügelte Mischwesen, die mit Pferdefüßen, spitzen Ohren, Bockshörnern und Fledermausflügeln keineswegs den Engeln gleichen (60). Doch die kleinen und großen himmlischen Lichtgestalten lassen sich durch die Naturdämonen aus dem Gefolge des Rauschgottes Dionysos nicht von ihrem eifrigen Tun in ihrem erhabenen Engelsparadies abbringen. Sie tragen weiterhin Wappen, Inschriften, erlöschende Lebensfackeln, Stundengläser oder gewichtige Bücher.
Wie der „welsche Knabe“, jener kleine flügellose Engel am Denkmal des behaglich auf einer Ruhebank liegenden Anselm Franz von Ingelheim, der sich tapfer bemüht, die ihm übertragene Aufgabe zu erfüllen, nämlich dem Erzbischof auf immer und ewig sein offenes Brevier entgegenzuhalten, das er in seinen Lebzeiten allzu gern zu beten vergaß (72).
Ob nicht der kraftvoll scheinende Putto, der mit weit ausgestreckten Armen den Sockel trägt, auf dem die schwere Gestalt des Sebastian von Heusenstamm lastet, nicht viel lieber in luftiger Höhe jubilierend auf einem der Denkmäler schweben würde? Dort wo nur geflügelte Engelsköpfchen aus Altarretabeln herausschauen, könnte man meinen, die übrige Gestalt sei hinter der Last kräftiger Marmorsäulen und Pilaster verschwunden (40), (83), (85). Eine große Schar kleiner Engelsköpfe lugt unter den Westchoremporen hervor, um geduldig im Dienst der Klangfülle der Domorgel gebannt zu sein. Bei deren Aufbrausen geraten die Spitzen ihrer Schmetterlingsflügel oft genug ins Vibrieren. Auch sie würden sich so gern einmal mit ihrem schönen Flügelkleid in Bewegung setzen. Da jedoch hin und wieder der Domorganist nachts zum Üben in die stille Kirche kommt, können sie ihre tragende Stellung nicht verlassen.

Nachdem Michael zunächst vorgab, die Nacktheit all der kleinen Engelskinder vor der Kälte schützen zu müssen, wurde er eng umschwirrt. Dem heftigen Rauschen ihrer Flügelchen gab er schließlich nach. Unter der Obhut des Schutzengels durften sie ihren Bewegungsdrang einmal voll ausleben und hatten die Erlaubnis, einige Male über die Domplätze zu fliegen. Nur einer der beiden wohlgenährten Barockengelchen, die seit nunmehr 235 Jahren vor dem Bildnis des Domherrn von Fechenbach sitzen, konnte nicht seine Tränen trocknen, die er noch immer um den Verstorbenen vergießt. Doch sein Gefährte legte die Mitra beiseite, nahm ihm das Taschentuch einfach aus der Hand und hing es zum Trocknen an die fast erloschene Fackel (64). So folgten endlich auch die beiden Nachzügler und begaben sich übermütig in die Lüfte hoch über den Weihnachtsmarkt, kletterten über die Lamellendächer der neuen Markthäuser und rutschten übermütig über das halbrunde Giebelfeld mit dem frisch gemalten Bild der Himmelskönigin.
Nun waren nur noch wenige Engel im Dom zurückgeblieben. Die beiden am Bassenheimer Altar, die raumgreifend in ihren Gewändern zu erstarren scheinen, erfüllten ernsthaft ihre Aufgabe und hielten das heilige Schweißtuch (31). Jener Himmelsbote, der mit einem Fingerzeig den eigensinnigen Reichsgrafen von Lambert zusammen mit Gevatter Tod zur Aufgabe seines irdischen Lebenskampfes zu bewegen sucht, um den Sargdeckel endlich zu schließen, mochte seinen hochgelegenen Platz über dem Eingang zur Ostkrypta nicht verlassen, damit er jederzeit als Seelenführer bereitstehe (27). Auch der steingraue Verkündigungsengel, der ermattet vor der staunenden Jungfrau niedergesunken war, um ihr die Frohe Botschaft in ihren wohnlich eingerichteten Kapellenraum zu bringen, verharrt auch weiterhin in der knienden Haltung eines Dienenden und blieb im Epitaph des Herrn Jodocus von Riedt in der nord-östlich gelegenen St. Victorkapelle (29).

Schließlich mahnten die drei Erzengel den nächtlichen Ausflug zu beenden. Die Lichter des Weihnachtsmarktes erloschen und alle begaben sich lautlos wieder an ihre Plätze im Dom. Hier in der erhabenen Weite des Raumes fanden sie der Engel Ordnungen wieder und in Erwartung der Heiligen Nacht lauschten sie in die vertraute Stille.
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