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Die Festung Ehrenbreitstein vereint Archäologie, Militärgeschichte und Gartenkunst
Die Bundesgartenschau hat nicht nur Koblenz verwandelt, auch die traditionsreiche Festungsanlage hoch über der Stadt präsentiert sich den Besuchern in neuem Glanz. Aus der Vogelperspektive zeigen sich die massiven Mauern, Wälle, Türme, Tore, Tunnel, Bastionen, Traversen, Brücken, Gänge, Batterien, Befestigungen und Anbauten als komplexes Bauwerk.

Ehrenbreitstein zählt zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern des Landes, wurde für die Bundesgartenschau in Koblenz 2011 aufwendig restauriert und für die Besucher auf neue Weise zugänglich gemacht, etwa über einen Lift und Rampen. Als eine der am besten erschlossenen Festungen Europas gehört sie seit 2002 als Teil des Oberen Mittelrheintals zum UNESCO-Kulturerbe, ihre spezifische Bauart nach preußischen Maßstäben macht sie zu einem einzigartigen Zeugnis dieser Epoche. Im maßgeblichen Reiseführer des 19. Jahrhunderts, dem Baedecker, wird sie als meisterhaft und bewunderungswürdig bezeichnet. Seitdem die Rheinlande 1815 preußisch wurden, spielte die Demonstration von Macht dort eine besondere Rolle. Dabei kam der Festung Ehrenbreitstein eine doppelte Funktion zu: nach außen abschreckend mit doppeltem Befestigungsgürtel und Schießscharten, nach innen weit weniger militärisch. Hier sind Höfe und architektonische Schmuckelemente zu finden; die Wohnbereiche für die seit der 1814 eingeführten Wehrpflicht rekrutierten Soldaten waren für die damalige Zeit relativ komfortabel gestaltet.

Aus dem Söldnerheer wurde nach der Preußischen Reform von Staat und Heer zwischen 1806 und 1820 eine Armee von Wehrpflichtigen. Damit einher ging nicht nur die Aufwertung der bürgerlichen Soldaten, sondern auch ein menschlicherer Umgang im Heer. Nicht mehr der Adel reservierte die hohen Ränge für sich, sondern Verdienst und Bildung zählten, Einfluss Napoleons, der als Bürgerlicher die Prinzipien der Französischen Revolution im Heer verwirklichte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Dass er sich auf der Höhe seiner Macht zum Kaiser krönte und eine eigene „Dynastie” gründete, steht auf einem anderen Blatt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts galt die Festung, die einen dominanten Teil der preußischen Festung Koblenz darstellt, in militärischer Hinsicht als veraltet. Und schon ein ganzes Jahrhundert zuvor war sie zum beliebten Aussichtspunkt für Touristen geworden.

Ganz friedlich geht es seit vielen Jahren in den Wällen und Räumlichkeiten der Festung zu, wo eindrucksvolle Fundstücke auf die kriegerische Vergangenheit verweisen. Zu den etwa 3000 Veranstaltungen der BUGA gehört auch die Vorführung historischer Uniformen und antiker Waffen. Wer Glück hat, der trifft schräg gegenüber von der archäologischen Ausstellung der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE) „Geborgene Schätze – Archäologie an Mittelrhein und Mosel” auf einen Waffenexperten, der die Abläufe vom Zünden der Lunte bis zum Abfeuern der Gewehrmunition erklärt – und das an echten Feuerwaffen. In wenigen Minuten haben die Zuhörer erfahren, woher die Ausdrücke „Etwas auf der Pfanne haben”, „Lunte riechen”, „Sein Pulver verschießen” und „Spätzünder” stammen. Auf die Funktion der massiven Mauern weisen vor allem die größeren Schusswaffen hin, die Kanonen hatten eine große Durchschlagskraft.

Aber auch religiöse Räume hatten in Militärbefestigungen ihren Platz. Die Koblenzer Festungskirche zeigt sich heute in neutralem Weiß und bietet mit ihrem abstrakt-eindrücklich gestalteten Altarbereich einen spirituellen Ort mit einem abwechslungsreichen Programm in ungewöhnlicher Umgebung unter dem Motto „felsenfest wandelweise”. Ganz irdisch geht es dagegen in den Restaurants und Imbissen zu, die auf der gleichen Ebene zu finden sind und den Gästen eine BUGA-Pause mit wunderbarem Ausblick auf Koblenz ermöglichen.

Um Einblicke in die Vergangenheit geht es dagegen im Inneren der Festung, deren Räumlichkeiten weitgehend von der GDKE für Ausstellungen genutzt werden, modern und ansprechend präsentiert. Im Rahmen der BUGA zieren im ersten und zweiten Stockwerk rheinland-pfälzische Floristik-Kreationen die Räume. Als gemeinsames Thema wird der Frühling in fantasievollen Gestecken umgesetzt, raffiniert beleuchtet und ausgeschmückt mit vielfältigen Materialien bis hin zu bepflanzten Möbeln. Ebenso locken die beiden Ausstellungen „Mein letzter Garten – 10.000 Jahre Grabkultur an Rhein und Mosel” sowie „Peter Joseph Lenné – Eine Gartenreise im Rheinland” mit Kulturschätzen und einer anschaulichen Inszenierung vergangener Epochen. Bei der ersten Schau, die einer Zeitreise durch die Bestattungskultur und religiösen Vorstellungen unserer Vorfahren gleicht, sind die Grabfunde großzügig ausgebreitet. Von Knochen über wertvolle Grabbeigaben bis hin zu Grabsteinen und Kreuzen reichen die Ausstellungsstücke, darunter etwa auch die Nachbildung eines Brandgrabes. Den Schlusspunkt bildet eine römische Gräberstraße, an deren Ende eine Mauer mit Gucklöchern den Blick auf kostbare Fundstücke erlaubt.

Ganz dem Diesseits zugewandt zeigt sich dem gegenüber die Gartenkunst des Peter Joseph Lenné. Ihm haben die Koblenzer schön gestaltete Natur zu verdanken wie etwa die Rheinanlagen und den Schlossgarten, den der Botaniker und Gartenkünstler im Auftrag König Wilhelms IV. entworfen hat. Für die BUGA wurde der Schlossgarten wieder in Anlehnung an ihn gestaltet. Lenné gilt als einer der wichtigsten Landschaftsarchitekten, seine Schöpfungen sind weit über das heutige Bundesgebiet verteilt. 1789 in Bonn geboren lag ihm das Rheingebiet besonders am Herzen. Schon früh wurde er nach Berlin/Potsdam gerufen und zum königlich-preußischen Gartendirektor ernannt, wo er 1866 kurz vor Erreichen seines 50. Dienstjubiläums gestorben ist. Sein Traum, den Lebensabend wieder am Rhein zu verbringen, hat sich leider nicht erfüllt.

Mit seinen Gärten und Parks, die im Unterschied zu den streng abgezirkelten Barockgärten des 17. und 18. Jahrhunderts die Natur zu „natürlichen” Landschaften und Ausblickspunkten formten, förderte er die Rheinromantik des 19. Jahrhunderts. In der Ausstellung werden deshalb auch Aquarelle gezeigt, etwa von Burg Stolzenfels, gerahmt mit Scherenschnitten in Pflanzenform, eine poetische Idee, die eine Mode der Zeit aufgreift. Gelungen ist ebenfalls die virtuelle Rheinfahrt im Stil des 19. Jahrhunderts, wo Dampfschiffe, Vogelschwärme und Wolken an den Lennéschen Parkanlagen entlang ziehen.

Der volksnahen Atmosphäre der Koblenzer Rheinanlagen wurde mit Projektionen, Pflanzen und Gartenmöbeln ein eigener Raum gewidmet unter dem Motto „Erholung, Bildung, Kinderspiele”. Schließlich sollten die Bürger sich nicht nur an den Pflanzen ergötzen, sondern konnten auch Skulpturen bewundern sowie Licht und Sonne tanken. So wie heute Gärten nach historischen Vorbildern gestaltet werden, orientierte sich auch Lenné an vergangenen Epochen – allerdings zum Teil sehr frei, etwa bei dem gotischen Garten mit der reichen Ornamentik. Damit folgte er dem Zeitgeist des Historismus. Die Ergebnisse sind zwar nicht historisch korrekt, doch sehr originell.

Aber auch die Gegenwart des Gartenbaus kommt nicht zu kurz. Am Ende des Rundgangs informiert ein Film über die Arbeiten im Park von Schloss Augustusburg, wo die Bäume in die Jahre gekommen sind und erneuert werden müssen. Dort heißt es: „Gartenkunst ist Raumkunst”. Und vor den Museumstüren wartet die BUGA mit ihren Garten-(t)räumen, die man nun mit anderen Augen sieht.

Während der BUGA und zum Teil darüber hinaus sind in der Festung Ehrenbreitstein Ausstellungen zur Gartenkunst des Peter Joseph Lenné, zu archäologischen Themen, Keramik und Floristik zu sehen. Daneben finden vielfältige Aktionen statt, die Geschichte vor Ort zum Miterleben zeigen, etwa die Büchsenmacher-Werkstatt, Schauspielführungen zum Thema „Soldat” und Aktionstage zur „Vorgeschichte” sowie zu den „Römern” und „Preußen”. Infos auf www.gdke.rlp.de und unter 0261/6675-0.

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