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„Demenzkranke sind Teil unserer Gesellschaft”
Nicht zuletzt der Selbstmord von Gunter Sachs rückt eine der gefürchteten Krankheiten im Alter weiter in den Focus: die Alzheimer-Demenz. Viele Patienten und oft auch die Angehörigen verzweifeln an der Diagnose, denn nach wie vor ist Alzheimer nicht heilbar. Auch Herbert Grönemeyer, einer der populärsten Musiker und Sänger in Deutschland, beschäftigt sich mit der Krankheit - als Sänger und als betroffener Angehöriger. Er arbeitet in seinem neuen Album im Lied „Deine Zeit” die schleichende Demenzerkrankung seiner Mutter auf.

Professor Dr. Roland Hardt, Chefarzt der Geriatrischen Klinik am Katholischen Klinikum Mainz und einer der führenden Altersmediziner im Land, bringt es im Gespräch mit ConSens auf den Punkt: „Menschen mit Demenz sind Teil unserer Gesellschaft”.

conSens: Wie viele Menschen sind in Deutschland von einer Demenz betroffen und wie sieht die Entwicklung aus?

Professor Hardt: Wir haben zwischen 0,8 und 1,2 Millionen Demenzkranke in Deutschland. Die Krankheit breitet sich aber nicht etwa aus wie eine Seuche. Die steigenden Zahlen kommen daher, dass die Menschen immer älter werden. Vor 60 Jahren waren Menschen mit Demenz noch Einzelfälle, denn zu der Zeit war die Lebenserwartung einfach nicht so hoch wie heute. Vor der Demenz kam der natürliche Tod.

conSens: Der Anstieg ist also eine Folge des Wohlstands und der besseren medizinischen Versorgung, die uns ein längeres Leben bescheren. In welcher Altersgruppe befindet sich denn das Gros der Menschen mit Demenz?

Professor Hardt: Im 90. Lebensjahr ist heute jeder Dritte von demenziellen Störungen betroffen. Ab 80 steigt das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, deutlich an.

conSens: Gibt es mehr Frauen, die betroffen sind, als Männer?

Professor Hardt: Ja, das liegt aber daran, dass Frauen durchschnittlich eine höhere Lebenserwartung haben als Männer. Nur deshalb sind sie häufiger betroffen.

conSens: Kann man etwas tun, um einer Demenz vorzubeugen? Helfen hier etwa Trainings wie Gehirn-JoggingSpiele oder das regelmäßige Lösen von Kreuzworträtseln?

Professor Hardt: Schon Jahrzehnte, bevor die klinischen Symptome sichtbar werden, sind Veränderungen im Gehirn vorhanden. Wir wissen zwar inzwischen, was bei einer Demenz passiert, aber wir wissen nicht, warum es passiert. Deshalb fehlt uns ein Risiko-Management und wir haben nichts in der Hand, was wir den Menschen zur Prophylaxe raten können. Man kann aber sagen: Wer geistig rege bleibt und zum Beispiel noch regelmäßig Zeitung liest, der startet von einem höheren Level in die Demenz, und es dauert länger, bis Auffälligkeiten bemerkbar werden.

conSens: Was passiert bei einer Demenzerkrankung?

Professor Hardt: Demenz geht mit Verhaltensstörungen einher. Der Mensch verliert die Lernfähigkeit. Wenn man das mit einem Computer vergleicht, könnte man sagen: Der Rem-Speicher geht kaputt, aber die Festplatte bleibt erhalten. Deshalb bringt es auch nichts, wenn Angehörige zu einem Demenzkranken sagen: Das habe ich dir doch schon vor zehn Minuten gesagt ... Sie sollten nicht ungeduldig mit dem Betroffenen werden oder ihn ständig verbessern, denn er kann nicht anders. Die Persönlichkeit nimmt der Betroffene mit in die Krankheit, die Emotionalität ist nicht gestört. Deshalb können Menschen mit Demenz weiterhin Freud und Leid empfinden. Wenn ein Angehöriger unwirsch wird, spürt das der Kranke.

conSens: Wie wichtig ist eine frühe Diagnose?

Professor Hardt: Eine möglichst zeitige Diagnose ist wichtig, denn je früher mit einer Behandlung begonnen werden kann, desto besser. Es gibt Medikamente, die den Verlauf verlangsamen und die Symptome aufhalten können. Fatal ist es, das Thema Demenz in der Familie und im Umfeld zu verdrängen und betroffene Angehörige zu verstecken. Es ist falsch, den Kopf in den Sand zu stecken. Richtig ist es, sich mit der Situation auseinanderzusetzen. Menschen mit Demenz tauchen nun einmal in unserer sozialen Wirklichkeit auf, sie sind Teil unserer Gesellschaft.

conSens: Gibt es einen klassischen Verlauf der Krankheit?

Professor Hardt: Man kann nicht sagen, wie und wie schnell die Krankheit verläuft. Teils ist es ein schleichender Prozess, teils ist der Verfall rapide. In der Anfangsphase merken es die Leute noch und es ist schlimm für sie, ihre Alltagskompetenzen zu verlieren. Hier wirkt das soziale Umfeld stabilisierend. Die Umgebung sollte sich deshalb unbedingt mit der Situation vertraut machen.

conSens: Muss man als älterer Mensch befürchten, schon an einer Demenz erkrankt zu sein, wenn man zum Beispiel häufiger seinen Schlüssel verlegt?

Professor Hardt: Es ist normal, dass man mal den Schlüssel verlegt. Man findet ihn dann spätestens nach zwei Tagen wieder. Ein Demenzkranker findet ihn nie mehr. Das ist der Unterschied.

conSens: Wo fühlen sich denn Menschen mit Demenz am wohlsten?

Professor Hardt: Wenn sie sich auf vertrautem und sicherem Terrain bewegen. Wenn man mit ihnen alte Fotos anschaut oder in alten Bilderbüchern stöbert, können sie mitreden. Eine Kommunikation ist auch mit schwer Dementen möglich. Man muss sie aber dort abholen, wo sie gerade sind, und nicht versuchen, sie ständig daran zu messen, wer sie einmal waren.

conSens: Was raten Sie pflegenden Angehörigen, damit sie die Phasen bewältigen können, in denen die körperlichen Symptome des Kranken zunehmen und wenn es zu wahnhaften Entwicklungen kommt?

Professor Hardt: Angehörige, die sich um Demenzkranke kümmern, müssen sich unbedingt Freiräume schaffen. Das geht zum Beispiel mit Hilfe einer Tagespflege. Die Betroffenen werden dort zeitweise betreut, wodurch Angehörige einen Freiraum für sich gewinnen. Nächstenliebe heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst - aber nicht mehr. Angehörige sollten sich nicht völlig aufreiben und aufopfern.

conSens: Ihr Ziel ist es, Demenz-Patienten nach einem Klinikaufenthalt möglichst wieder in ihr Umfeld zu entlassen und dort zu integrieren. Klappt das immer?

Professor Hardt: Ein gewisses Risiko muss man einfach in Kauf nehmen. Vertrautes ist wichtig, und so kennen sich Demenzkranke in ihrer gewohnten Umgebung durchaus noch lange aus, alles Neue allerdings ist nicht mehr lernbar. So ist zum Beispiel ein neues Wohnumfeld für Menschen mit Demenz sehr verwirrend. Man sollte Menschen nicht fixieren. Wir leben in einem freien Land und dazu gehört auch die Freiheit der alten Menschen.

conSens: Viele ältere Menschen haben Angst, an Demenz zu erkranken und viele Kinder haben Angst davor, dass ihre Eltern sich durch diese Erkrankung so verändern, dass zwar die Hülle bleibt, der Mensch aber ein anderer wird. Warum?

Professor Hardt: Uns machen nun einmal die Erinnerung und das Sprachvermögen aus. Aber wenn wir lernen, mit der Krankheit umzugehen, ist es möglich, die Furcht davor zu verlieren.

conSens: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führten Sigrid Babst und Wolfgang-Michael Duschl

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