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Kloster Eberbach
875 Jahre Einzug der Mönche aus Clairvaux 825 Jahre Weihe der Abteikirche

In einem abgelegenen Tal, umrahmt von dichtem Wald, liegt eines der schönsten Klöster des Rheingaus, die Abtei Eberbach. In betonter Schlichtheit und Einfachheit treten die Formen hervor, strahlen Gemessenheit und Harmonie aus. Die formal so reizvolle Schmucklosigkeit ist als Programm zu verstehen, das sich nur aus der Geschichte des Hochmittelalters entschlüsseln lässt: mittelalterliche zisterziensische Architektur als Symbolsystem, in dem sich das göttliche Mysterium durch Licht und Zahl offenbart.

Das geistige Abenteuer des Zisterzienserordens, des „Novum monasterium”, begann 1098 in Citeaux bei Dijon an einem abgelegenen, sumpfigen Ort. Die Ordensgemeinschaft wollte in strenger Askese nach der Regel des hl. Benedikt das Mönchtum reformieren und in harter Arbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Neu war der Verzicht auf Einkünfte aus Grundbesitz, Zehntem und Zinsen. Im Jahre 1112 trat Bernhard de Fontaine mit 30 Gefährten in das Kloster Citeaux ein. Er wurde die führende Persönlichkeit des Ordens und gründete 1115 das Kloster Clairvaux, dessen Namen er fortan dem seinen beifügte. In den 40 Jahren seiner Abtzeit gingen von Clairvaux 68 Klostergründungen aus, hinzu kamen 97 Tochtergründungen. Das Gebot Benedikts wurde vielfältig erfüllt: Die Priestermönche beteten und leisteten geistige Arbeit, die Laienbrüder (Konversen) beteten und erbrachten körperliche Arbeit. Die Konversen trugen damit ganz wesentlich zur Verbreitung des Zisterzienserordens bei, der in seiner Blütezeit bis zu 2500 Gründungen in ganz Europa zählte.

Die Gründung von Eberbach
Im März des Jahres 1136 ritten zwei hohe geistliche Herren, Adalbert I., Erzbischof von Mainz, und Abt Bernhard von Clairvaux auf die rechte Rheinseite nach Kiedrich in das Kisselbachtal, um den Ort für die Gründung eines Zisterzienserklosters zu finden. Nach der Legende brach ein wilder Eber aus dem Dickicht und pflügte vor den Augen der beiden Gottesmänner einen weiten Kreis in den Boden. Darauf entschloss man sich, an dieser Stelle das neue Zisterzienserkloster entstehen zu lassen. Der Mainzer Erzbischof bat Bernhard um die Entsendung eines Konvents. Abt Ruthard und 12 Mönche kamen 1136 an den Kisselbach. Die Bauarbeiten für die Abteikirche wurden im Jahre 1141 begonnen, 1160 eingestellt, da das Kloster in die Auseinandersetzungen zwischen Papst Alexander III. und Kaiser Barbarossa einbezogen wurde. Erst 1170 konnten die Arbeiten wieder aufgenommen werden. An der Ostwand der Kirche wird der Wechsel im Bauplan deutlich. Die romanische Klosterkirche wurde 1186 eingeweiht, eine dreischiffige Pfeilerbasilika von typisch zisterziensischer Schlichtheit und Strenge, eines der wichtigsten Zeugnisse der frühen Baukunst des Ordens auf deutschem Boden.

Die Kirche ist 79 Meter lang und 14 Meter breit. Die Höhe beträgt 18 Meter. Das Querschiff hat eine Ausdehnung von fast 34 Metern. Ein gotisches Maßwerkfenster ziert den Ostchor. Die Seitenkapellen im Querhaus zeigen Reste barocker Verzierungen. Den Schatz an verbliebener Ausstattung stellen die 83 Grabplatten in Kirche und Kreuzgang dar sowie die Gräber der Erzbischöfe von Nassau.

Aufstieg und Niedergang des Klosters
Nach der Zisterzienserregel soll die Arbeit der Mönche nur den Eigenbedarf decken und karitative Aufgaben ermöglichen. Bei minimalem Eigenbedarf wirtschafteten die Mönche gut. Eberbach investierte: In Köln wurde ein Stadthof gekauft. Die Mönche bewirkten mit viel Geschick die Befreiung ihrer Produkte vom Rheinzoll. Von Reinhardshausen aus wurde der Wein auf eigene Schiffe verladen. Eberbach expandierte: Nach 30-jährigem Bestehen nennt das Rheingauer Kloster neben dem Stadthof in Köln 9 Ländereien (Grangien) und zwei Kellereien sein eigen. Zeitweise lebten im Kloster 250 Priestermönche und bis zu 400 Laienbrüder. Das Kloster wurde immer wohlhabender. Unterdessen ging die Zahl der Konversen zurück. Auf ihnen lastete zuviel Arbeit. Ihr Unwille machte sich schließlich in einem Aufstand Luft. Im Jahre 1261 wurde in Eberbach Abt Werner ermordet. Das Generalkapitel verbot daraufhin die Neuaufnahme von Konversen. Ein Teil der Ländereien musste verpachtet werden. Von den 25.000 Morgen Land, die das Kloster im Jahre 1500 besaß, wurden 60 % in Pacht gegeben. Nur 102 Mönche lebten damals noch im Kloster. Im Jahre 1500 baute man für die reiche Weinernte ein Riesenfass mit einem Fassungsvermögen von 70.000 Litern. In dieser Zeit des Wohlstands ließ die Moral im Kloster nach. Zur Zeit der Reformation verließen einige Mönche das Kloster. Trotz aller Rückschläge aber blieb in Eberbach ein intaktes Ordensleben erhalten. Der Weinbau bot weiterhin wirtschaftliche Grundlage.

Der 30-jährige Krieg brachte dem Kloster großen Schaden. Der Konvent floh nach Köln. Der Schwedenkönig Gustav Adolf II. schenkte die Abtei seinem Kanzler Gustavsohn Oxenstierna. Dieser raubte die wertvolle Bibliothek des Klosters. Ende des 17. Jahrhunderts leben 30-40 Mönche im Kloster. Das endgültige Aus für Eberbach kam 1803 im Zuge der Säkularisation unter Napoleon I.: Eberbach wurde dem Grafen von Nassau zugeschlagen und der Weinbau der fürstlich-nassauischen Verwaltung zugewiesen. Ende 1804 wurden der Südund der Ostflügel des Kreuzgangs abgebrochen. Im Abtbau befand sich ab 1808 ein Pulvermagazin. Das Kloster war ab 1813 eine Arbeitsund Besserungsanstalt, 1815 eine Irrenanstalt, der Bibliotheksbau diente ab 1817 als Schule. Durch das Langhaus der Kirche wurde eine Fahrstraße gebrochen. Bis 1835 durfte die Kirche wieder genutzt werden, aber nur im Chor und bis zum 2. Bogen des Langschiffes. Hinter der Trennwand befanden sich eine Scheuer und ein Schafsstall. Unter preußischer Regie wurde Eberbach 1877 schließlich Zentralgefangenenanstalt (bis 1912) mit „Weiberzuchthaus”, nach dem ersten Weltkrieg Sitz der staatlichen Domänenverwaltung.

Eberbach heute
Seit 1945 ist Eberbach der Verwaltung der Hessischen Staatsweingüter unterstellt. Sie ist für die Lagerkeller und den „Cabinet Keller” sowie für die Gebäude des Klosters verantwortlich. Jedes Jahr kommen Tausende von Besuchern in die Abgeschiedenheit des Kisselbachtals, um das Kloster zu besuchen, geprägt durch eine über 850-jährige Geschichte, sichtbar an den verschiedenen Baustilen. Neben der in aller Schlichtheit gewaltigen Kirche beeindrucken das zwischen 1240 und 1270 gebaute Mönchsdormitorium und der Schlafsaal der Konversen. Er ist mit 83 Metern der größte nichtsakrale Bau des Mittelalters in Deutschland. Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts kamen für kurze Zeit „Mönche” wieder nach Eberbach zurück - als Schauspieler. Das Kloster war Kulisse für die Dreharbeiten zu dem Film „Im Namen der Rose”.

Spiritualität, Schönheit und Geheimnis alter Klöster haben die Menschen seit jeher fasziniert. Der Besuch von Kloster Eberbach ist nicht nur eine Freude für die Augen, sondern auch eine nie versiegende Quelle der Ruhe und der Kraft.

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