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Zwischen Liebe und Wut
Wer einen Menschen mit Demenz zu Hause pflegt, steht schnell im Zwiespalt der Gefühle. Konkurrierende Empfindungen wie Wut, Enttäuschung, Liebe und Freude sind da und wollen zugelassen werden, ebenso das Bedürfnis, dass das eigene Leben nicht nur aus der Pflege bestehen darf. Über den Umgang mit den Erkrankten, ihre Selbstbestimmung, aber auch die Wünsche der Pflegenden und das Leben zwischen den beiden Polen Liebe und Wut diskutierten auf Einladung des Forums Demenz Experten mit den Besuchern im Pariser Hoftheater.

„Die große Resonanz auf die Ankündigung zeigt mir, dass die emotionalen Seiten der Pflege für viele eine hohe Brisanz hat, weil sie selbst von Demenz betroffen sind, einen Angehörigen mit Demenz pflegen oder es ihr Beruf ist, sich um Menschen, die Hilfe und Unterstützung benötigen, zu kümmern”, begrüßte Sozialdezernent Arno Goßmann die Besucher im gut gefüllten Hoftheater. „Sie alle sind gekommen, um sich mit der schwierigen Frage auseinanderzusetzen, wie Pflegende dem Erkrankten gerecht werden können, ohne sich selbst aufzugeben”, betonte er die besonders hohen Anforderungen an Angehörige und Pfleger im Umgang mit Demenzkranken.

Aber auch die Erkrankten leiden darunter, dass sie keinen Zugriff mehr auf frühere Erfahrungen und Erkenntnisse haben und mit Situationen nicht mehr zurechtkommen. „Die Folgen sind oft Angst, Unruhe und Resignation”, sagte Goßmann. Die Betroffenen klammern sich an ihre Angehörigen. An einem Beispiel verdeutlichte er dies. „Vor Kurzem rief eine Frau aus Bierstadt in der Geschäftsstelle des Forums Demenz Wiesbaden an. Sie schilderte: „Das Schwierigste ist, dass ich keine Sekunde mehr allein sein kann. Mein Mann folgt mir wie ein Schatten. Wenn ich ins Bad gehe, steht er vor der Tür und ruft mit lauter, verzweifelter Stimme so lange meinen Namen, bis ich wieder herauskomme.”

Dr. Gisela Bockenheimer-Lucius vom Senckenbergischen Institut für Geschichte und Ethik der Medizin in Frankfurt beschrieb, was Demenzkranke benötigen, um sich wohlzufühlen. Für die Angehörigen sei es wichtig, sich in die Gefühlswelt demenzkranker Menschen hineinzuversetzen. Dann bestehe die Chance, dass man Vorgehensweisen findet, die eine Situation klären, ohne die Erkrankten zu verletzen. Wichtig sei, ihnen ihre Selbstbestimmung weitgehend zu erhalten und Situationen, die nicht „richtig” sind, einfach auch einmal „laufen zu lassen”, statt sie zu korrigieren.

Pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz stehen unter einer hohen Belastung, vor allem dann, wenn sie den Erkrankten im fortgeschritten Stadium nicht mehr allein lassen können, wenn rund um die Uhr Aufmerksamkeit, Ansprache und Orientierung notwendig sind. Für sie bleibt immer weniger Gelegenheit, eigenen Interessen oder Verpflichtungen nachzugehen. Aus Zeitmangel werden häufig die Beziehungen zu Freunden und Verwandten vernachlässigt oder aufgegeben. Die pflegenden Angehörigen geraten in Gefahr, immer mehr zu vereinsamen.

Angst spielt dabei eine große Rolle, etwa davor, dass sich der bzw. die Angehörige verletzt, aber auch die Angst, dass man selbst an der Pflege zerbricht und dauerhaft Schaden nimmt. Daraus entsteht leicht Wut auf die augenblickliche Lebenssituation und auch auf den Kranken. Da fällt es schwer, positiven Gefühlen Raum zu lassen und die liebenswerten Seiten des Erkrankten wahrzunehmen. Diesen Teufelskreis schilderte mit vielen Beispielen anschaulich Margot Unbescheid. Die Autorin von „Alzheimer: Das Erste-Hilfe-Buch” pflegt seit Jahren ihren demenzerkrankten Vater. Sie kennt die Probleme im Umgang mit den Kranken und die Konflikte, die daraus entstehen. Am Beispiel ihrer den Vater pflegenden Mutter und ihrer eigenen Beanspruchung schilderte sie, dass Angehörige ihre eigenen Kräfte überschätzen. Das Wohlbefinden der Erkrankten wie auch der Angehörigen sollten gleichwertig nebeneinander stehen. In diesem Zusammenhang forderte Unbescheid von der Politik weitaus mehr Unterstützung für die Angehörigen, etwa in einer Art Supervision, die nicht nur den Erkrankten zugutekomme, sondern auch eingreife, wenn die Angehörigen sich überlasten.

Welche konkreten Hilfen und Angebote es in Wiesbaden schon jetzt gibt, erläuterte Monika Kaus von der Wiesbadener Alzheimer Gesellschaft, die auch im Vorstand der Deutschen Alzheimer Gesellschaft ist. Zudem hatte das Forum Demenz im Foyer des Hoftheaters einen Informationsstand mit vielfältigen Broschüren und Handreichungen sowie einen Büchertisch aufgebaut.

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