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Farbe zwischen Stimmungsbild und Abstraktion

Die Schenkung des Mainzer Künstlers Gustel Stein an das Landesmuseum

Klar gegliedert, schwarz konturiert - aus dem Liniengefüge über dem leuchtend blauen Grund entstehen bei näherer Betrachtung Konturen, die eine menschliche Gestalt erkennen lassen. Das Gemälde „Blauer Ritter” von Gustel Stein (19222010) fasziniert durch die Verschränkung von Figur und Abstraktion und durch die Farbgestaltung in Blau, Gold und Schwarz. Es entstand 1996 und gehört zu seinem Spätwerk, das von farbglühenden Kompositionen bestimmt wird.

Zusammen mit anderen Arbeiten - darunter auch die 104 Werke, die Gustel Stein im Jahr 2008 dem Landesmuseum Mainz gestiftet hat - erscheint es in der wissenschaftlichen Publikation des Kunsthistorikers Dr. Frithjof Schwartz „Gustel Stein - Werke auf Papier und Leinwand”. Das Katalogheft wurde im April bei der Auftaktveranstaltung zur Reihe „Sammlung im Gespräch” des Landesmuseums vorgestellt. Sammlungsleiter Dr. Norbert Suhr berichtet über die Hintergründe der Stiftung: „Wir haben die Bilder gemeinsam ausgewählt, so dass sie einen repräsentativen Querschnitt des Werks bilden.”

Die Techniken variieren zwischen Collage, Tusche, Tempera, Aquarell, Acryl, Kunstharz und Öl. Einige Motive wie der „Blaue Ritter” im Besitz der Galerie „Mainzer Kunst!” erinnern an die vielen Glasfenster, für die Gustel Stein in der Öffentlichkeit bekannter ist als für seine „privaten” Bilder. Er hat nach der Gesellenprüfung im Malerbetrieb seines Vaters in St. Goarshausen und dem Studium an der Staatlichen Bauund Kunstschule in Mainz zahlreiche Gebäude in Rheinhessen und Rheinland-Pfalz mit seiner Glaskunst geschmückt, vor allem Kirchen. Daneben hat er die malerischen Mittel für sich entdeckt und sich in der Nachkriegszeit vor allem mit den französischen Künstlern beschäftigt. Damit ist sein Werdegang typisch für die Kunststudenten seiner Generation, die nach den schrecklichen Jahren der Diktatur, des Krieges und des Verbots moderner Kunst einen großen Nachholbedarf am internationalen Kunstbetrieb hatten.

Während Gustel Steins frühe Landschaften, Stillleben und Akte von Grautönen grundiert scheinen, wird die Palette im Laufe der Fünfzigerjahre farbenfroher. Dazu trugen sicher auch seine Reisen nach Frankreich und Italien bei, die er als Meisterschüler antrat. Er verwendet bei seinen Mittelmeer-Motiven hellere Töne und arbeitet stärker mit Farbkontrasten. Dabei geht es ihm nicht um eine „realistische” Abbildung von Architektur oder Menschen - beides ist erkennbar - das Zusammenspiel von Formen und Farben steht im Mittelpunkt. Das gilt ebenfalls für die „Strandszene aus der Normandie” von 1953, ein Bild, auf dem im Vordergrund zarte Grünund Gelbtöne verschwimmen und der Hintergrund sich in Grauschattierungen von den Pastellfarben abhebt.

Beeindruckend ist auch sein getuschtes Selbstporträt von 1982, das den Titel des Katalogs ziert: In wenigen Linien hat er sein markantes Gesicht mit dem ernsten Ausdruck festgehalten. Die Mehrheit der seit 2008 im Landesmuseum verwahrten Arbeiten hat dagegen nicht die menschliche Gestalt zum Thema, die wenigen Variationen über Akt und Figur zeigen sich experimentierfreudig und abwechslungsreich. Neben zahlreichen seriellen Farbkompositionen und Stillleben finden sich einige wenige Tierdarstellungen. Der collagierte, abstrakt gestaltete Steinkauz von 1975 mit den unterschiedlichen Augen - eins scheinbar blind, das andere umso intensiver - ist ein eindrückliches Beispiel für die Gabe, auch „einfachen” Motiven eine intensive Wirkung zu verleihen.

Dr. Suhr plant eine Ausstellung der Werke im Jahr 2012. Dann wird ein größeres Publikum sich ein Bild machen können von der Vielseitigkeit und Kreativität Gustel Steins. Wer jetzt schon mehr über Leben und Werk erfahren möchte, dem sei das ausgezeichnete Katalogheft empfohlen: Frithjof Schwartz: „Gustel Stein - Werke auf Papier und Leinwand”, Bd. 14 „Landesmuseum Mainz - Graphische Sammlung”, im Museumsshop für 8 Euro erhältlich.

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